Belgrad – Sofia (Teil Bulgarien und die zwei längsten Kilometer)

Und hier noch Teil zwei…

„Schön willkommen in Bulgarien“, heisst es am EU-Grenzposten. Pascal ist grad noch schnell genug, ein Bild zu schiessen, bevor auch er einen Rüffel von der Grenzbeamtin kriegt (diese Schweizer Touris, man weiss doch, dass man an Grenzübergängen nicht fotografieren darf!). Sie lässt uns trotzdem rein und wünscht uns eine gute Reise. Bulgarien empfängt uns mit unverhältnismässig breiten Strassen (es hat hier aber praktisch keinen Verkehr) und freundlichen Menschen. Kaum stehen wir etwas verloren an einer Kreuzung, weisen uns die Leute schon den Weg. Das wir nach Vidin wollen, scheint eh klar zu sein. Wohin sollten wir den sonst wollen…

Hilfsbereite Frau in Bulgarien

Die Landschaft in Bulgarien ist ganz anders als in Serbien. Eine enorme Weite umgibt uns. Sehr schön. Wir fahren über die erstaunlich guten, fast leeren Strassen (EU-Gelder?) und über ein paar sanfte Hügel nach Vidin. Dort ist grad das Fest zum Tag der Kinder im Gange. Wir holen uns am Bankomaten zuerst Bulgarisches Geld. Wie immer ohne zu wissen, wie die Währung heisst, resp. wie der Wechselkurs ist (wir sind da ein bisschen Ignoraten oder einfach schlecht vorbereitet, aber wenn man etwa die 4. Möglichkeit der vorgeschlagenen Beträge anwählt, kommt es nicht so schlecht raus). Wir kriegen für 7 ebendieser Währung ein riesiges Glacé! Neben den Euros, den ungarischen Forint, den kroatischen Kuna und den serbischen Dinar haben wir nun also auch noch bulgarische Lev. Das Währungsdurcheinander in unseren Portemonnaies ist komplett.

Riesen Gelati in Vidin

Wir wollen nicht in der Stadt bleiben und fahren weiter. Als es so langsam einzudunkeln beginnt, suchen wir uns ein Plätzchen für unser Zelt direkt am Donauufer. Etwas versteckt zwischen den Büschen stellen wir unser Schloss auf, waschen uns in der Donau den Schweiss und Strassendreck ab (zum ersten Mal überhaupt, dass wir in der Donau baden (bis in der Slowakei war es noch etwas zu frisch und in Serbien ist die Donau sehr schmutzig), aber Judith fand, dass das ein absolutes Muss ist!) und kochen uns was Feines. Vom ru mänischen Ufer tönt die ganze Nacht laute und freudige Musik. Es scheint ein grösseres Fest im Gange zu sein, aber sehen können wir nichts, ausser des funkelnden Sternenhimmels und blinkenden Glühwürmchen.

Blick aus dem Zelt am Donauufer

Vor unserer Passüberquerung wollen wir in Montana übernachten, um etwas Energie zu tanken. Auf unserer Karte ist von Montana noch nicht viel drauf, aber wir sehen einen See und zwei Hotels. Wir witzeln, dass es sicher ein tolles Ferienressort mit Thermalbad und so weiter ist. In der Tat trägt das eine Hotel 4 Sterne und scheint ganz neu zu sein. Für umgerechnet nicht einmal 50 Euro pro Nacht gönnen wir uns diese Dekandenz als Kontrast zum einfachen Zelten ganz gerne mal.
Der Weg nach Montana ist spannend, immer wieder staunen wir über die Gegensätze in diesem Land: Grosse, teure Autos neben Eselkarren, breite gute Strassen und dann wieder Strassen mit Schlaglöchern ohne Ende, chice wohlhabende Leute und sehr einfache Bauernleute, moderne Glasbauten neben heruntergekommenen Plattensiedlungen…
In Montana angekommen merken wir plötzlich, dass wir seit ein paar Tagen eine Stunde verschoben leben. Die Zeitumstellung, eine Stunde später gilt bereits in Bulgarien, nicht wie wir meinten erst in der Türkei. Aber bei unserem momentanen Lebenswandel spielt das ja keine grosse Rolle…
Weil das Wetter am Folgetag so schlecht ist, entschliessen wir uns, die Passüberquerung um einen Tag zu verschieben. Judith versinkt im Initial Hearing mit Ratko Mladic (www.icty.org) und Pascal verbessert die Welt mit Kartografieren der Orte bzw. Strassen, die wir bisher passiert haben und noch nicht auf OpenStreetMap eingetragen sind.
Während des Abendessens läuft im Fernsehen der Match Federer – Djoković (in Restaurants und Bars läuft hier immer und überall mindestens ein Fernseher). Wir sind froh, Serbien bereits verlassen zu haben, als Roger den Serben vom Platz fegt. Sonst hätten wir wohl unser Fähnlein für einen Tag in die Tasche stecken müssen. 😉
Später am Abend werden wir einmal mehr Zeugen eines Gewitters. So etwas heftiges haben wir noch nie gesehen: Eine pechschwarze Front schiebt sich bedrohlich immer näher. Die Wolken haben Ausläufer, die aussehen, als ob ein riesiger Vogel langsam auf uns zukommen würde. Es wird regelrecht dunkel, die Farben der Landschaft nehmen ganz surreale Töne an. Immer wieder kracht es und Blitze erhellen den Himmel. Der See wird schwarz, der Strom fällt aus…

Heftige Gewitterfront in Montana


Nachts um 3 Uhr klingelt plötzlich das Telefon in unserem Zimmer. Eine Stimme am anderen Ende fragt: „Is there water in your room?“. Was, hä?!? Pascal sagt schlaftrunken, nein, da sei kein Wasser in unserem Zimmer (die bulgarischen Abflüsse in der Mitte des Badezimmers sind für uns zwar schon etwas anders, aber nein, wir haben das Badezimmer nicht geflutet beim Duschen…). Die Stimme am Telefon bittet Pascal, doch im Zimmer noch nachzuschauen, ob denn da nun wirklich kein Wasser sei. Pascal torkelt in unserem Zimmer herum und kann der Stimme am Apparat noch immer keinen positiven Bericht geben.  Irgendwelche Menschen machen sich auf unserem Balkon zu schaffen, Taschenlampen leuchten wild umher. Da die Vorhänge nicht ganz gezogen sind, fühlen wir uns etwas im Schlaf beobachtet. Wir schliessen die Vorhänge und hoffen, dass das Wasserproblem gelöst werden kann und versinken augenblicklich wieder in der Traumwelt. Am nächsten Morgen stellen wir fest, dass im Speisesaal unter uns Wasser aus der Decke, also genau unter unserem Zimmer, ausgetreten ist. Grund war offenbar der verstopfte Ablauf auf unserem Balkon.

Ruhetag in Montana macht Judith glücklich, Pascal auch. 😉

Guten Mutes für den grossen Tag der Passüberquerung machen wir uns morgens für unsere Verhältnisse früh auf den Weg. Wir denken, wir seien schlau und nehmen eine Abkürzung über einen Feldweg. Das ist wohl unser bisher grösster Fehler. Infolge des heftigen Gewitters des Vorabends entpuppt sich der harmlos aussehende Feldweg als regelrechte Leimpiste. Unsere Velos stecken fest, die Räder blockieren vom Lehm, der sich überall sofort in dicken Schichten klebt. Jeder Zentimeter wird zum Kampf. Wir stossen die Velos, doch rutscht man mit den Schuhen ständig aus. Judith kommt etwas besser voran, da sie nur 2 Räder hat, Pascal mit seinem Anhänger steckt komplett fest. Zu zweit können wir aber dann auch Pascals Velo befreien. Pascal trägt die Tasche, Judith hievt das Velo vorwärts, am Schluss tragen wir das Velo zu zweit. Zwar war dieser Feldweg nur etwa 2 Kilometer lang, aber er hat uns etwa eine Stunde gekostet und wir sind am Ende schweissgebadet und KO. Und das vor der eigentlichen Herausforderung, dem Pass Petrohan… Nach einer kleinen Stärkung fahren wir weiter. Zum Glück ist die Passstrasse vorwiegend im Wald und es ist nicht allzu heiss. Langsam aber stetig pedalen wir uns auf die 1444 m.ü.M. Viele Autofahrer hupen und winken uns zur Ermutigung. Velofahrer scheinen hier nicht zum alltäglichen Bild zu gehören. Es geht alles gut und so freuen wir uns oben angekommen auf die Talfahrt. Nach einer Weile entpuppt sich diese leider, zum Leidwesen von Judith, mit der jetzt nicht mehr so gut Kirschen essen ist, als Berg- und Talbahn. Nach jedem Runter kommt wieder ein Rauf. Die Kräfte sind schon etwas aufgebraucht und so werden die folgenden Kilometer zur Qual. Aber wie wir langsam wissen, muss man Judith, sobald sie etwas „gnietig“ wird, etwas zu Essen geben, dann geht’s meist wieder besser. Und so ist es auch dieses Mal. Und wir gelangen nach einem langen, anstrengenden Tag doch noch nach Sofia, bzw. nach Bankya zu Ivan und Rumy und ihrem Sohn (Bekannte von Pascals Chefin), die uns mit dem Auto zu ihrem Zuhause lotsen. Nach einer Dusche, einem feinen Znacht u.a. aus dem Garten der beiden und einer Einführung ins selber Joghurt machen, fallen wir todmüde ins Bett und sind froh, den Tag überstanden zu haben.

Lehm wie Leim blockiert die Räder

Morgens poltert der kleine Jasin (verzeiht Ivan und Rumy, wir sind uns über die Schreibweise des Namens nicht sicher) an unsere Türe. Er findet es offenbar spannend, fremde Gäste zu Hause zu haben. Insbesondere unseren kleinen tragbaren Kugelradio und den Fotoapparat findet er super. Jedesmal, wenn er es schafft, den Radio einzuschalten oder den Sender zu wechseln, quitscht er vor Vergnügen. Wir reden auf Schweizerdeutsch mit ihm, was ihn überhaupt nicht zu irritieren scheint. Mit seinen zwei Jahren versteht er auch auf Bulgarisch noch nicht alles ;-).
Ivan bietet uns die Wohnung seiner Mutter an, die auf der anderen Stadtseite Sofias liegt. Um uns eine bessere Ausgangsposition zu verschaffen, radeln wir an unserem Ruhetag die 30 km durch die Stadt. Da Sonntag ist, herrscht einerseits nicht so viel Verkehr und andererseits haben wir am nächsten Tag nur noch 150 km bis nach Plovdiv zu bewältigen. Danke Ivan und Rumy!

Bei unseren Gastgebern in Sofia

Übrigens:

  • Unser Blog mag meist abenteuerlich und toll klingen. Aber es gibt, so sehr wir unsere Tour lieben, auch ein paar Dinge, die mühsam und anstrengend sind: Tägliches Packen, nie Ankommen, bellende, freilaufende Hunde, jeden Tag Sonnencreme einschmieren, eng überholende, stinkende und rauchende Autos und Lastwagen, Schlaglöcher, Anziehen der salzig, feuchten Velokleider morgens im Zelt, Mücken, Fliegen, die einem mit gefühlten 50 km/h ins Gesicht donnern, Riesenspinnen im Zelt. Doch nehmen wir das alles gerne in Kauf!
  • Liebe Bulgaren, die Bremse ist das mittlere der drei Pedalen. Man darf sie gerne auch benutzen. Und nein, Hupen ersetzt das Bremsen nicht. Überholen scheint in Bulgarien ein Volkssport zu sein. Immer und überall wird überholt, sehen was von vorne kommt ist hier optional. Als Velofahrer findet man es nicht sehr lustig, wenn einem plötzlich ein Auto mit 100 km/h auf der eigenen Spur entgegenkommt und mit nur einem Meter Abstand vorbei rast. Offenbar ist neben der Automarke auch das Überholen wichtig für die soziale Rangordnung.
  • Hupstudie:
  1. Mehrmaliges Hupen mit Winken = gut, Autolenker hat Freude an uns.
  2. Mehrmaliges Hupen ohne Winken = dito.
  3. Einmaliges Hupen ohne Winken = wohl nicht gut, Autolenker nervt sich über uns.
  4. Lastwagen hupt = Lastwagen hat zwar Freude und will grüssen, evt. auch warnen, dass er kommt. Judith aber hat regelmässig einen halben Schock, so eine Lastwagenhupe 2 Meter neben dem Kopf, das geht durch Mark und Bein und haut einem fast aus dem Sattel.
  • Uns scheint, wir haben Sylvans Reifenabdrücke gesehen. Ob er wohl schon in Istanbul ist? 😉

In Bulgarien sind wir übrigens halbe Analphabeten. Hier wird eine Variante der kyrillischen Schrift verwendet. Die Orts- und Strassenschilder sind zum Glück meist auch in lateinischer Schrift angeschrieben. Im Restaurant oder im Laden wird es etwas abenteuerlicher. Meist verstehen wir nur Bahnhof. Tourismus ist hier noch nicht so verbreitet und es gibt in Restaurants meist keine englische Speisekarte. In Sofia haben wir das Vergnügen, eine Pizzakarte in kyrillischer Schrift zu entziffern. So langsam machen unsere Schriftkenntnisse Fortschritte und wir können hinter den kryptischen Zeichen Sachen wie „Mafioso“, „Calzone“, etc. entziffern (zum Glück sind Pizzanamen international!). So kommen wir doch zu was Feinem zu essen.
Eine weitere Eigenart der Bulgaren ist übrigens bei einem „Ja“ leicht den Kopf zu schütteln (Danke Tine für die Vorwarnung). Auch dies führt manchmal zu kurzer Verwirrung.

Menüs in kyrillischer Schrift sind für uns ein kleines Rätsel

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2 Antworten zu Belgrad – Sofia (Teil Bulgarien und die zwei längsten Kilometer)

  1. Maria schreibt:

    Liebe Judith, Lieber Pascal,

    ich habe heute früh das Vergnügen gehabt, diesen Blog Beitrag zu lesen und möchte Euch sagen: Grosse, grosse Klasse! Ich bewundere Euer Vorhaben. Als Bulgarin habe ich natürlich jetzt auch viel gelacht, und mir richtig gut vorstellen können wie Ihr Euch gefühlt habt. Die Hupanalyse war grossartig.
    Herzliche Grüße und Danke für diesen erfrischenden Bericht,

    Maria

    • Judith schreibt:

      Hoi Maria, danke für den lieben Kommentar, der mich von Dir als Bulgarin natürlich umso mehr gefreut hat! Du musst mir dann mal noch anvertrauen, ob Dein Fahrstil auch bulgarisch ist ;-).

      Lieber Gruss, Judith

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