Belgrad – Sofia (Teil Serbien)

Und hier mit etwas Verspätung… wir sind bereits in Haskovo.

Bei unseren Aufenthalten in den grösseren Städten gilt es jeweils vor allem, wieder einmal Kleider zu waschen, Grosseinkauf von Lebensmitteln und sonstigen Sachen (z.B. Velokettenöl, es hat etwa 10 Tage gedauert, bis wir welches fanden, das Pascals Ansprüchen genügte!) zu erledigen, Mails zu beantworten, zu bloggen… Und dann natürlich auch noch, die Stadt anzuschauen. Und so ist das auch in Belgrad. Nach all den Erledigungen finden wir noch ein wenig Zeit, in den Strassen der schönen Hauptstadt herumzubummeln, durch die Burg mit den antiken Panzern zu spazieren, einen Blick in eine orthodoxe Kirche zu erhaschen und das heftige Gewitter am Abend zu bestaunen. Pascal ist an diesem Tag, um es mit seinen Worten zu sagen, etwas „überstellig“ (übermütig), wie auf dem Foto unschwer zu erkennen ist. Ich glaube, ihm tun die Ruhetage nicht so gut…

Der Weg aus Belgrad heraus ist so abenteuerlich, wie der Weg hinein. So gibt es keine Möglichkeit, von der Strasse auf den Veloweg zu wechseln, da die Leitplanke durchgezogen ist. Aber wir sind ja schon geübt, unsere Fahrräder irgendwo drüber zu hieven.

Der anschliessende Veloweg hat seinen Namen eigentlich nicht verdient, da er ein ungemähter Feldweg auf dem Donaudamm ist. Aber wenn man genügend schnell fährt, geht es gar nicht so schlecht mit dem hohen Gras. Zudem können wir wunderschöne giftgrüne Sumpf- bzw. Auenlandschaften bestaunen. Dennoch entscheiden wir uns nach ein paar Kilometern, auf der Hauptstrasse weiterzufahren, da das Fahren auf solchen Wegen teilweise sehr anstrengend ist und man auch nur langsam vorwärts kommt. Hinzu kommt Judiths Schlangenüberfahrphobie…

Später, als wir bei einem Velowegschild stehen bleiben, kommt ein Auto angerauscht, zwei Männer steigen aus und fragen uns ganz aufgeregt, ob sie uns fotografieren dürften. Wir sind etwas baff und sagen ja und so stehen sie dann da und hören kaum mehr auf mit dem Knipsen. Zudem kommen noch zwei Kinder und sagen ohne Unterbruch „Hello, how are you?“ (das muss der erste Satz sein, den man in Serbien in der Schule lernt, weil alle Kinder uns das immer nachrufen). Der eine der beiden Männer zieht dann irgendwann seinen T-Shirt Ärmel hoch und meint mit Blick auf die unverkennbare scharfe Bräunungslinie an seinem Oberarm, die vom Veloshirt stammt, „I am a biker too!“. Aha, dann ist das wohl das allgemeine Erkennungszeichen, sozusagen das Bikertattoo ;-)! Machen wir nun auch immer, so als Bikergruss. Auf jeden Fall finden wir heraus, dass der andere der beiden der Macher des serbischen Abschnittes des EuroVelo6 Weges ist. Aus diesem Grund waren sie wohl so erfreut, uns zu sehen, jemanden, der ihre Arbeit schätzt und nutzt. Die Begegnung ist lustig und wir erhalten noch ein paar Tipps für die Weiterreise und den Hinweis, dass nun der schönste Abschnitt der Route kommt, was sich als wahr herausstellt.

Gegen Abend warten wir auf die Fähre nach Ram, die nur alle 3 Stunden fährt. Beim Abendessen treffen wir auf ein Schweizer Paar, das auf dem Weg ans Schwarze Meer ist. Jetzt sind wir schon 6 Schweizer, die mit dem Velo Richtung Osten fahren. Die Überfahrt mit der Fähre, eigentlich ein Floss, dass von einem kleineren Schiff gezogen wird, ist mit dem Sonnenuntergang ganz romantisch.

Die Landschaften auf unserem letzten Stück bis zum Silbersee sind wunderschön und irgendwie haben wir das Gefühl, plötzlich in einem anderen Land zu sein. Es ist etwas hügelig und sehr ländlich. Als wir beim Silbersee ankommen ist es bereits dunkel. Wir finden heraus, dass der Zeltplatz teurer ist als ein Zimmer mit Frühstück und so entscheiden wir uns für Letzteres. Pascal wird zu Schnaps und Bier eingeladen und verständigt sich in einer internationalen Runde (Kroatien, Mazedonien, Serbien, Schweiz) mit Händen und Füssen. Der Mazedonier kennt die Fussballklubs der Schweiz besser als er, dafür lernt er auf serbisch zu zählen. Ausser 8, dass genau wie das englische „owsome“ ausgesprochen wird, haben wir aber wieder alles vergessen.
Am nächsten Tag treffen wir auf eine 5-köpfige Radlergruppe aus Deutschland, Frankreich und Österreich. Beim gemeinsamen Kaffee erzählen sie, dass zwei von ihnen nach Indonesien unterwegs sind (www.mit-dem-rad.de), zwei ans Schwarze Meer und einer ebenfalls nach Istanbul (pietontour.blogspot.com) . Die beiden Richtung Indonesien fahren mit einem sogenannten Extra-Wheel (Link). Das ist ein drittes Rad, das man hinten am Velo befestigt und an dem ebenfalls Velotaschen befestigt werden können. Wir haben das zum ersten Mal gesehen. Nach viel Austauschen und Plaudern verabschieden wir uns wieder, allerdings nicht zum letzten Mal.

Während wir durch 21 Tunnel kurven, bieten sich uns immer wieder wunderschöne Anblicke von oben auf die Donau. Das Gebiet um das Eiserne Tor ist einer der bisherigen Höhepunkte. Die Donau schlängelt sich durch die üppig grünen Hügel und Berge und sucht sich ihren Weg Richtung Meer. Gegen Abend zieht wieder, wie üblich, ein Gewitter auf. Wir haben noch kein Ziel für unser Nachtlager und es ist auch kein Campingplatz in Sicht. Etwas unentschlossen fahren durch den leichten Regen weiter in der Hoffnung auf eine Eingebung, resp. den idealen Übernachtungsplatz. Nach ein paar weiteren Kilometer entdecken wir am Donauufer ein hübsches Plätzchen mit Wiese und zwei Wohnwagen drauf. Wir fragen beim Haus auf der anderen Strassenseite, ob wir unser Zelt aufstellen dürfen. Natürlich ohne jeweils der Sprache des anderen mächtig zu sein. Anfänglich sind die beiden, ein älteres Ehepaar, etwas verhalten, doch irgendwann erweichen sie. Erst als die Frau mit dem Schlüssel einen der Wohnwagen aufschliessen will, bemerken wir das Missverständnis. Sie meinten, wir wollten im Wohnwagen übernachten. Wir sind fast etwas baff von so viel Offenheit und Bereitschaft uns den Wohnwagen anzubieten, wir entscheiden uns trotzdem fürs Zelt. Das Zelt wird auf so einer Reise übrigens so richtig zum eigenen Zuhause. Auch wenn ein Hotelzimmer meist „bequemer“ ist, schlafen wir sehr gerne im Zelt. Wir sind dann bei uns und nicht bei jemandem anderen.
Als wir das Abendessen zubereiten kommen die zwei auch zu uns. Wir versuchen uns auf Serbisch, Deutsch und Englisch zu verständigen und werden mit Slivovitsa, Bier und Wein versorgt. Wie so oft, stellt sich heraus, dass ihr Sohn in Deutschland arbeitet. Die Nacht ist übrigens stockdunkel, weil es weit und breit kein Licht gibt, das den klaren Himmel erleuchten würde. Es ist Ideal, um die Sterne zu beobachten (unser Galaxy Tab ist übrigens auch eine super Sternkarte).
Am nächsten Morgen werden wir von unseren Gastgebern fast adoptiert. Sie finden, wir sollen doch noch eine Nacht bleiben, sie schenken uns ein Glas feinen Honig, geben uns frische Erdbeeren und Kirschen. Den Slivovitsa am Morgen lehnen wir allerdings dankend ab. Sie lassen uns kaum mehr gehen. Wir fragen uns in Serbien immer wieder, ob wir in der Schweiz wohl auch so viel Gastfreundschaft antreffen würden.

Wir pedalen weiter durch die tolle Donauschlucht. An deren Ende, in Kladovo, finden wir gerade rechtzeitig in einem Café mit riiiiesigen Torten Unterschlupf vor einem starken Gewitter mit Hagelschauer (die anderen haben’s voll abgekriegt, hihi). Der Barmann zaubert (nachdem Pascal bereits bestellt hat ;-)) für Judith mit einem Zwinkern und der Bemerkung „you like fruits, don’t you?“ noch den Geheimtipp des Hauses hinter der Theke hervor, ein Fruchtkäsekuchen, der sie zum Schmelzen bringt…
Der Einkauf im Supermarkt ist eher gruselig: Verschiedene Reispackungen sind bevölkert mit schwarzen Käfern, das Brot ist bereits blau vom Schimmel. In Brza Palanka schlagen wir unser Zelt auf dem Campingplatz auf, was sich als herber Fehler herausstellt. An die sanitären Anlagen gleichen Konservenbüchsen und seit langem sehen wir mal wieder alte italienische Stehklos. Von den ca. 10 Duschen funktioniert genau eine und natürlich nur mit kaltem Wasser. Auch sonst ist der Platz sehr ungepflegt, es liegt überall Abfall rum und es strotzt vor Lieblosigkeit. Der Platzverwalter, der bei unserer Ankunft durch seine Frau vertreten wurde, die nicht wissen wollte, was eine Übernachtung mit Zelt kostet, möchte für eine Nacht zudem stolze 14 Euro. Wir geben ihm nur 10, was eigentlich immer noch zu viel ist, worauf er entnervt abzieht, seinen Schuh in einer seltsamen Drohgebärde hochhebt und uns sagt, wie hätten morgens um 7 Uhr verschwunden zu sein. Sympathischer Zeitgenosse. Zu unserer Freude quacken auch Hundertschaften von Fröschen die ganze Nacht um die Wette. Eine ziemlich laute Angelegenheit und wir wünschen uns eine Storchenpatrouillie, die für etwas Ordnung sorgt.
Am nächsten Morgen entdecken wir am Strand gleich nach dem Campingplatz drei Zelte. Es stellt sich heraus, dass es die Gruppe vom Vortrag ist. Sie waren viel schlauer und haben einfach wild campiert. Wir frühstücken ausgiebig mit ihnen, bevor wir uns auf den Weg nach Bulgarien machen.
Bevor wir Serbien verlassen, wollen wir in Negotin noch unsere Dinar verprassen. Wir sitzen also gemütlich in einem Strassencafé und wer biegt da plötzlich um die Ecke? Markus, den wir vor Bratislava zum ersten Mal getroffen haben. Er ist unglaublich, mit 70 fährt er noch praktisch die gleichen Distanzen wie wir. Wir bleiben natürlich etwas länger sitzen und quatschen eine Runde. Als wir dann endlich aufbrechen wollen, trudeln auch noch die anderen wieder ein. Die Welt scheint heute klein in Serbien…

Nach einer holprigen aber schönen Strasse erreichen wir die Grenze zu Bulgarien. Am serbischen Grenzposten entdeckt Judith ein Plakat mit den gesuchten Kriegsverbrechern, darunter der eben verhaftete Mladic. Wie immer wird Sie ganz aufgeregt und will ein Foto vom Plakat machen, was die Grenzbeamtin aber leider sofort und mit Vehemenz verhindert.

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Zwischenhalt in Haskovo

Von Sofia sind wir mit einer Rekordetappe (fast 150km) nach Plovdiv gedüst. Und das mit ein paar Hügeln und teilweise Gegenwind. Gestern hatten wir nochmals den Wind im Gesicht. Dafür ist zum Glück das befürchtete schlechte Wetter ausgeblieben. Um wieder etwas zu Kräften zu kommen und Judiths lädiertes Hinterteil zu schonen, haben wir uns kurzerhand entschieden in Haskovo einen Ruhetag einzulegen.
Das Städtchen hat ein hübsches Zentrum und ist belebt wie jede Balkanstadt, die wir bisher angetroffen haben.
Wir geniessen es in Cafes zu sitzen und nichts zu tun (ausser vielleicht Blog schreiben). 🙂 Wir sind mit unseren Berichten etwas in Verzug. Ihr möget uns verzeihen.

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Passtaufe für Judith und jetzt in Sofia

Gestern, wegen Regen einen Tag später als geplant, sind wir von Montana über den Petrohan nach Sofia gefahren. 1200 Meter hinauf und dann noch ein paar fiese Gegensteigungen auf der „Abfahrt“ nach Sofia. Plus eine Schlammpiste zu Beginn, die uns an den Rand der Verzweiflung brachte. Mit 116km also ein ganz schön harter Tag für Judiths Passtaufe.
In Sofia, resp. in Bankya, einem Ort kurz vor Sofia, haben uns Ivan und Rumy herzlich emfangen. Heute sind wir auf die andere Seite der Stadt „gezügelt“, von wo wir uns morgen auf den Weg nach Plovdiv machen.
Über 2500km haben wir übrigens bis jetzt zurückgelegt. Bis Istanbul fehlen uns nur noch 500km. Juhuu, Istanbul wir kommen. 🙂 Und unser nächster längerer Blog auch bald…

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Auf Wiedersehen Donau, Hallo Berge!

Die letzte Nacht haben wir wunderschön direkt am Donauufer kampiert, quasi als Abschied von unserer fliessenden Weggefährtin. Nach rund 2000km entlang der Donau sind wir heute Richtung Sofia und damit auch Richtung Berge abgebogen. Morgen werden wir den 1444m hohen Pass Petrohan in Angriff nehmen. Abends sollten wir dann Sofia erreichen. Als Stärkung gönnen wir uns hier in Montana (Bulgarien) ein chices Hotel. Als Vorbereitung für morgen und Kontrast zum Wild-Campieren von letzter Nacht. 😉

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Bald in Bulgarien

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Heute sind wir wohl den schönsten Teil unserer Tour gefahren. Die Umgebung des Eisernen Tors ist phantastisch! Fast alle 500 Meter mussten wir einen Fotohalt einlegen (und nicht nur wegen Judith…). Jetzt sitzen wir in Kladovo in einem Cafe, in das wir uns grad noch rechtzeitig vor dem Gewitter retten konnten. Morgen überqueren wir die Grenze nach Bulgarien und Samstag werden wir wohl in Sofia einfahren. Vorher kommen noch die Berge, auf die sich Pascal jetzt schon freut. Ein Pass mit 1430 müM steht uns bevor. 🙂 Leider sieht der Wetterbericht für die kommenden Tage etwas weniger rosig aus. 😦

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Am Eisernen Tor vorbei

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Heute haben wir das Eiserne Tor (Donauschlucht durch das Karpatengebirge) passiert. Die Landschaft hier ist schön bergig, eine wohltuende Abwechslung zu den Kilometern von Auenwäldern, die wir bisher gesehen haben. Und es ist heiss, wir sind definitiv im Sommer angekommen!
Unterwegs haben wir eine ganze Horde von Tourenfahrern angetroffen und gleich eine längere Kaffee- und Plauderpause eingelegt. Es tut immer gut, Tipps und Erfahrungen über die Route auszutauschen. Und gestern haben wir übrigens den Macher des serbischen Teils der Euroveloroute getroffen. Er hatte eine solche Freude an uns, dass er gar nicht mehr aufhören wollte, uns zu fötelen…
Gruss aus Donji Milanovac bei Glacé und Kaffee

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Budapest – Belgrad (Teil 2 ab Apatin)

Als wir am nächsten Morgen aus Apatin rausfahren, sehen wir wieder diese riesigen Bewässerungsanlagen. Eine ist gerade in Betrieb und Pascal kann es nicht lassen, sich so ein Ding mal etwas genauer anzusehen. Kurz darauf kommt der Bauer dazu und erzählt uns, dass seine grösste Anlage einen (!) Kilometer lang ist. „You can send them a map of your field and they make the machine for you“. Voilà, so einfach geht das.

Lange Bewässerungsanlage in Betrieb

Für einmal folgen wir nicht dem offiziellen Veloweg, der macht nämlich einen 30km langen Umweg in eine alte Donauschleife. Wir fahren also auf Strassen mit relativ wenig Verkehr durch die Dörfer. So kriegen wir auch mehr vom Land mit als nur die Auenwälder (davon haben wir schon genug gesehen.) Am Nachmittag werden wir von einem wunderbaren Rückenwind erfasst. Der bläst uns mit fast 30 km/h nach Baĉka Palanka. Und wieder präsentiert sich vor uns eine riesige, dunkelblaue Gewitterfront und Judith zieht aus Angst vor Blitzen den Kopf ein… Am nächsten Morgen muss Judith um den Zimmerpreis kämpfen, der plötzlich höher ist als noch am Abend zuvor. Als der Chef dann auch noch aufkreuzt, Judith per Handy mit dem am Abend zuvor diensthabenden Angestellten verbunden wird, kann man sich schliesslich einigen und wir bezahlen „unseren“ Preis.

Serbien erscheint uns übrigens wie ein grosses Automuseum. Wir treffen hier auf die ganze Modellpalette, vom ältesten bis zum neuesten Gefährt. Auch treffen wir immer mal wieder auf alte Winterthurer Stadtbusse, die hier noch immer ihren Dienst tun. In Belgrad fahren sogar die grünen „Basler Drämli“ rum. Eines sogar mit einem Schild „Die Stadt Basel und die Schweiz grüssen Belgrad“. Cool.

Ein alter Winterthurer Stadtbus

Pascal ist etwas müde und fahrfaul. Judith ist beruhigt, dass das zur Abwechslung auch bei ihm einmal vorkommt… Vor Novi Sad machen wir in einem kleinen Dorf eine Pause. Wie so oft hier, finden wir ein offenes WLAN und so lesen wir überrascht die Nachricht, dass Ratko Mladic festgenommen wurde. Judith ist ganz aus dem Häuschen. Wir sind unsicher, ob die anderen Dorfbewohner, die auch im Café sitzen, diese Neuigkeit schon gehört haben. Judith verplatzt fast, sie möchte so gerne wissen, wie die Leute reagieren, ob sie wütend oder froh sind… Plötzlich fällt der Name Mladic in den Gesprächen, die Leute reagieren gelassen. Es ist lustig, wie manchmal mit den Leuten ein Gespräch entsteht, obwohl wir weder serbisch noch die Leute wirklich eine andere Sprache sprechen. In diesem Café war ein kleiner Junge völlig fasziniert von unserem Tab. Irgendwann hat ein älterer Mann uns dann mit Zeichen auf das Tab gefragt „Laptop?“. So begann das Gespräch, bei dem alle etwas mithalfen, eine jüngere Frau warf ab und an ein englisches Wort ein und so konnten wir schliesslich erklären, woher wir kommen, wohin wir gehen, wie lange wir unterwegs seien etc. Der ältere Mann seinerseits erzählte, dass er 1974 (hat er uns aufgeschrieben) in Paris gearbeitet habe. Er sprach auch noch ein paar Brocken französisch. Und er sei jeweils bereits müde, wenn er 2 Kilometer mit seinem Fahrrad nach Hause fahren müsse, 100 Kilometer im Tag, das sei ja Wahnsinn… Alle winken uns zum Abschied, die Stimmung ist sehr herzlich.

Gegen Abend rollen wir in Novi Sad ein. Am Stadteingang treffen wir noch auf einen „Kilometerfresser“ aus Stuttgart. Er ist mit dem Rennvelo und Minimalgepäck unterwegs, pro Tag fährt er zum Teil über 200km. Wir gehören da mit unseren plusminus 100km pro Tag zu den Normalen (falls das jemand angezweifelt haben sollte!). Vor den Toren Novi Sads gönnen wir uns in einem schönen Strandkaffee ein Pivo und treffen auf eine Gruppe von älteren Radlern, die mit einem Wohnmobil als Begleitfahrzeug unterwegs sind und ganz gesprächig sind. Und natürlich lesen wir (vorallem Judith) jede irgendwie verfügbare Nachricht über Mladics Festnahme…

Im Strandcafe in Novi Sad

Wir leisten uns ein Hotelzimmer und erkunden die schöne Stadt Novi Sad. Im Zentrum hat es ein Strassenkaffee am anderen und die Strassen sind voll von Leuten. Man könnte meinen es sei ein Volksfest im Gange. Plötzlich hören wir Petarden und eine skandierende Menschenmenge. Unweit von uns protestiert eine Gruppe von Kahlgeschorenen gegen die Festnahme von Mladic. Ein Serbe sagt uns, das sei nichts Neues: „It’s nothing“.

Zeitungsauslage nach Mladic' Verhaftung

Von Novi Sad nach Belgrad ist es eine Tagesetappe. Gleich zu Beginn erwartet uns ein längerer Aufstieg, der zudem noch auf einer vielbefahrenen Hauptstrasse bewältigt werden will. Aber wo’s hinauf geht, geht es auch wieder runter. Am höchsten Punkt zweigt der Euroveloweg zum Glück von der Hauptstrasse ab. Dummerweise bläst uns aber, wie vom Wetterbericht angekündigt, ein kräftiger Wind ins Gesicht. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt auf 15km/h (normalerweise machen wir zwischen 18 und 20km/h). Beim Kampf gegen den Wind sehen wir immer wieder überfahrene Tiere; Schlangen (sehr grosse, das von Judith überfahrene Exemplar war „munzig“ dagegen…), Hunde, Katzen, ein Dachs und viele Frösche.

Ein paar Kilometer vor Belgrad kommen wir wieder auf die Hauptstrasse. Das Verkehrsaufkommen ist gross und von einem Veloweg ist nur zu träumen, obwohl hier die offizielle Route verläuft. Judith wird ein paar Mal von einem Bus in den Strassengraben gefegt. Abbremsen für Velofahrer scheint ein Fremdwort und genügend Abstand nicht sehr gängig zu sein. Zum Glück passiert aber nichts schlimmeres. Pascals Veloanhänger (vielleicht ist es auch die flatternde Fahne) scheint zu etwas mehr Abstand aufzufordern. Judith fährt nun vorne und wir fahren selbstbewusst mehr gegen die Strassenmitte. So zwingen wir den Verkehr hinter uns abzubremsen, wenn etwas entgegenkommt anstelle uns haarscharf zu überholen. So klappt es ganz gut, aber wir sind trotzdem froh, als wir endlich von der Hauptstrasse runter an den Donauweg können. Belgrad liegt auf einem Hügel und so sehen wir die graue Stadt schon von weitem.Die Querung der Donau entpuppt sich dann auch noch als kleines Abenteuer. Es gibt vom Donauweg wohl eine Fussgängertreppe auf die Brücke. Leider haben sie die Velos vergessen und es gibt keine Rampe. Mühsam schleppen wir unsere schweren Velos hoch. Oben angekommen bemerken wir zu unserem Erstaunen, dass es gar keinen Weg weiter gibt, die Treppe führt nur auf eine Art Plattform (wer baut denn sowas??). Auf der anderen Brückenseite gibt es einen Fussweg. Wir haben keine Lust die Velos nochmals die Treppe runter und auf der anderen Seite wieder hochzuschleppen. Also hieven wir das Gepäck und Velos über die Abschrankung und tragen es über die von Autos und Tram befahrene Fahrbahn auf die andere Seite. Zum Glück sind ein paar Autofahren so nett und lassen uns auf die andere Seite hechten.

In unserem Hostel „Three Black Cats“ in Belgrad kriegen wir eine ganze Wohnung! Die Velos dürfen wir auch gleich mitnehmen, unzertrennlich… 🙂

Donaubrücke am Eingang von Belgrad

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Budapest – Belgrad (Teil 1 bis Apatin)

Nach den zwei erholsamen Tagen in Budapest war es eine wahre Freude, mit frischen Muskeln wieder auf der Strasse zu sein! Nach einigen Wirrungen haben wir auch zurück auf den Eurovelo 6 Weg (Veloweg vom Atlantik bis ans Schwarze Meer), dem wir noch eine Weile folgen wollen, gefunden. Die kläffenden Hunde machen mir (Judith) etwas Mühe, insbesondere dann, wenn sie weder angebunden noch eingezäunt sind und mir plötzlich hinten nach rennen, erst links vom Velo, dann rechts, ich spüre gedanklich schon die Zähne in meinen Wadli, einfach keine Angst haben, das spüren die Hunde und dann beissen sie erst recht, weiterfahren, schnell, oh nein, und noch so viele Schlaglöcher… Ich entkam ihm, uff, was für ein Adrenalinschub.

Nach diesem ersten Zwischenfall liess auch der zweite nicht all zu lange auf sich warten und so hatte nun auch ich meine erste Panne, eine Platte. Die Luft entwich aber nur sehr langsam und so pumpten den Schlauch alle 10km auf, was ziemlich gut funktionierte, um die Platte dann abends definitiv zu reparieren. Ich erhielt einen Velo-Reparierkurs vom Profi, holte den Glassplitter aus dem Pneu und klebte das Loch wieder zu.

Das Wetter ist soweit gut, tagsüber ist es teilweise sehr schwül. Gegen Abend zieht eine beeindruckende, blau graue Wolkenfront auf. Auch wir kriegen Regen ab, was aber nach einem heissen Tag sehr erfrischend ist.


Auf dem Zeltplatz von Dunaföldvár sind wir wiedermal ganz alleine. Der Campingwart will kaum glauben, dass ich, mit einem so ungarischen Namen wie Judith Carla, keine ungarische Grossmutter habe. Wir kochen mit einer wunderschönen Kulisse an der Donau Znacht und schauen den riesigen Frachtschiffen zu, die sich Meter für Meter stromaufwärts bewegen.

Morgens um 7 Uhr sagt plötzlich eine zürideutsche Stimme neben unserem Zelt „Wüsst Ihr eigentli dass dusse d’Sunne schiint?!?“. Markus, der andere Schweizer unterwegs, stattet uns einen Besuch ab und so gibt es einen frühen Kaffee für alle.

Nach dem täglichen Packritual sind wir bald wieder auf der Strasse. Der Veloweg verläuft meist auf wenig befahrenen Strassen. Zum Teil auch auf einer alten Landstrasse, die wir exklusiv für uns haben oder auf dem Donaudamm. Beides angenehm zu fahren. Am späteren Nachmittag kommen wir in Baja an. Ein paar tolle Exemplare sowjetischer Plattenbauten begrüssen uns.

Es zieht wieder ein Gewitter auf und wir legen im Städtchen eine Pause ein. Nachdem sich der erste Regen verzogen hat, entscheiden wir uns weiterzufahren, obwohl der Himmel vor uns immer noch dunkelschwarz ist. Man sieht die Regenfront auf uns zukommen. Plötzlich hört Judith Pascal, der etwas vorausfährt, jauchzen und fragt sich, was los ist. Ein paar Sekunden später fährt auch sie in die Regenwand, bäm! Innert 10 Sekunden sind wir nass bis auf die Haut und in den Schuhen bildet sich ein Minibiotop. Dummerweise zweigt der Veloweg auch noch auf einen unbefestigten Feldweg ab.

Und das Resultat von Regen + Feldweg =

In Dunafalva müssen wir feststellen, dass wir die letzte Fähre auf die andere Seite verpasst haben. Dort wäre der Campingplatz. Bald finden wir aber im kleinen Dörfchen, in dem wir auf eine Horde Frauen stossen, die uns ganz engagiert den Weg weisen, ein Zimmer für die Nacht. Mit dem Gartenschlauch befreien wir unsere Velos wieder vom Dreck und werden dabei ganz aufgeregt von 2 Hunden und 2 Katzen umschwärmt.

Am nächsten Morgen scheint wieder die Sonne. Nach einem leckeren Zmorgen der Gastgeberin unter der Pergola fahren wir wieder der Donau entlang, auch wenn wir sie leider nicht zu Gesicht bekommen. Die grossen Auenwälder versperren die Sicht aufs Wasser. Kurz vor der Fähre nach Mohacs hat Judith schon wieder einen Platten (wieder eine Glasscherbe). Wir schaffen es grad noch auf die Fähre und reparieren auf der anderen Uferseite. Judith ist schon ganz fix mit dem Flicken des Schlauchs und so sind wir bald wieder auf der Strasse.

Nach Dunafalva löst sich endlich auch Pascals grösstes Rätsel „Wo sind hier die Kühe?“. Seit Österreich haben wir nämlich noch keine einzige Kuh angetroffen, obwohl man auch hier Milch und Käse kaufen kann. Plötzlich ist da also eine Weide mit vielen weissen Kühen drauf und seine Welt ist wieder in Ordnung. 😉

Wir fahren am Duna-Drava Nationalpark vorbei. Auch hier sehen wir vor lauter Bäumen leider nicht viel. Bald kommen wir an die ungarisch-kroatische Grenze. Wir verlassen die EU und der Zöllner will wissen, wo wir hin wollen. Seine Antwort auf Istanbul ist: „Are you sure?!? You know, it’s very hot!“ und er hält inne mit dem Stempeln. Der kroatische Teil ist etwas traumatisch (zumindest für Judith). Wir haben noch kein kroatisches Geld, es ist fürchterlich heiss, es hat keine Cafés oder Lädeli… Als wir endlich einen Laden finden, will die Verkäuferin partout keine Euro annehmen. Ein anderer Kunde erbarmt sich unser (wir müssen schlimm aussehen) und tauscht unsere Euros gegen Kuna um. Ob der Wechselkurs einigermassen stimmt, wissen wir nicht, es ist uns aber in dem Moment auch sehr egal. Nach einer Pause (vor dem Ambulatorium, dem scheinbar einzigen Schattenplätzli), dem gekauften, kühlen Mineral und der Glacé gehts etwas besser.

Wir sind nicht lange in Kroatien. Bei Batina fahren wir über eine riesige Brücke nach Serbien (Juhui, schon wieder Stempel in den Pässen). Allgemein scheinen hier die Strassen etwas überdimensioniert für das Verkehrsaufkommen, es hat nämlich praktisch keines.

In Serbien fällt uns auf, dass uns die Menschen (Auto- und Lastwagenfahrer, Fussgänger) freundlich grüssen. In Ungarn war dies weniger der Fall, obwohl die Menschen auch dort sehr freundlich waren. Auch die Strassenqualität in Serbien ist anders, Schlaglöcher ohne Ende und auf dem Veloweg finden wir riesige Pfützen mit Fröschen vor. In Apatin fahren wir zuerst etwas unentschlossen in der Stadt rum, weil der Campingplatz ganze 7km gegen unsere Fahrtrichtung weit weg liegt. Am Schluss landen wir dann doch dort. Die Strassen dampfen vom Gewitter, es sieht richtig mytisch aus. Und wieder einmal haben wir den ganzen Platz für uns alleine. Der Camping ist übrigens sehr liebevoll hergerichtet und die Open-Air-Dusche ist auch ganz cool und das kalte Wasser nach dem wieder heissen Tag erfrischend. Aus Apatin kommt übrigens auch das Jelen Pivo (Pivo heisst Bier), das wohl bekannteste serbische Bier. Uns schmeckt’s.

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In Belgrad

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Trotz hartem Gegenwind und viel Verkehr haben wir es bis Belgrad geschafft. 🙂 Hier gönnen wir uns mal wieder einen Ruhetag. Unser Zimmer, Tschuldigung, Appartment im Hostel ‚Three Black Cats‘ ist grad etwas chaotisch, schliesslich teilen wir es mit unseren Velos.

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Ein Pivo in Novi Sad auf Mladics Verhaftung

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Der Tag beginnt mit einem Platten (Nummer 4) und endet mit einem Pivo. Dazwischen wurde noch Mladic verhaftet. Insgesamt also ein guter Tag.

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