Belgrad – Sofia (Teil Serbien)

Und hier mit etwas Verspätung… wir sind bereits in Haskovo.

Bei unseren Aufenthalten in den grösseren Städten gilt es jeweils vor allem, wieder einmal Kleider zu waschen, Grosseinkauf von Lebensmitteln und sonstigen Sachen (z.B. Velokettenöl, es hat etwa 10 Tage gedauert, bis wir welches fanden, das Pascals Ansprüchen genügte!) zu erledigen, Mails zu beantworten, zu bloggen… Und dann natürlich auch noch, die Stadt anzuschauen. Und so ist das auch in Belgrad. Nach all den Erledigungen finden wir noch ein wenig Zeit, in den Strassen der schönen Hauptstadt herumzubummeln, durch die Burg mit den antiken Panzern zu spazieren, einen Blick in eine orthodoxe Kirche zu erhaschen und das heftige Gewitter am Abend zu bestaunen. Pascal ist an diesem Tag, um es mit seinen Worten zu sagen, etwas „überstellig“ (übermütig), wie auf dem Foto unschwer zu erkennen ist. Ich glaube, ihm tun die Ruhetage nicht so gut…

Der Weg aus Belgrad heraus ist so abenteuerlich, wie der Weg hinein. So gibt es keine Möglichkeit, von der Strasse auf den Veloweg zu wechseln, da die Leitplanke durchgezogen ist. Aber wir sind ja schon geübt, unsere Fahrräder irgendwo drüber zu hieven.

Der anschliessende Veloweg hat seinen Namen eigentlich nicht verdient, da er ein ungemähter Feldweg auf dem Donaudamm ist. Aber wenn man genügend schnell fährt, geht es gar nicht so schlecht mit dem hohen Gras. Zudem können wir wunderschöne giftgrüne Sumpf- bzw. Auenlandschaften bestaunen. Dennoch entscheiden wir uns nach ein paar Kilometern, auf der Hauptstrasse weiterzufahren, da das Fahren auf solchen Wegen teilweise sehr anstrengend ist und man auch nur langsam vorwärts kommt. Hinzu kommt Judiths Schlangenüberfahrphobie…

Später, als wir bei einem Velowegschild stehen bleiben, kommt ein Auto angerauscht, zwei Männer steigen aus und fragen uns ganz aufgeregt, ob sie uns fotografieren dürften. Wir sind etwas baff und sagen ja und so stehen sie dann da und hören kaum mehr auf mit dem Knipsen. Zudem kommen noch zwei Kinder und sagen ohne Unterbruch „Hello, how are you?“ (das muss der erste Satz sein, den man in Serbien in der Schule lernt, weil alle Kinder uns das immer nachrufen). Der eine der beiden Männer zieht dann irgendwann seinen T-Shirt Ärmel hoch und meint mit Blick auf die unverkennbare scharfe Bräunungslinie an seinem Oberarm, die vom Veloshirt stammt, „I am a biker too!“. Aha, dann ist das wohl das allgemeine Erkennungszeichen, sozusagen das Bikertattoo ;-)! Machen wir nun auch immer, so als Bikergruss. Auf jeden Fall finden wir heraus, dass der andere der beiden der Macher des serbischen Abschnittes des EuroVelo6 Weges ist. Aus diesem Grund waren sie wohl so erfreut, uns zu sehen, jemanden, der ihre Arbeit schätzt und nutzt. Die Begegnung ist lustig und wir erhalten noch ein paar Tipps für die Weiterreise und den Hinweis, dass nun der schönste Abschnitt der Route kommt, was sich als wahr herausstellt.

Gegen Abend warten wir auf die Fähre nach Ram, die nur alle 3 Stunden fährt. Beim Abendessen treffen wir auf ein Schweizer Paar, das auf dem Weg ans Schwarze Meer ist. Jetzt sind wir schon 6 Schweizer, die mit dem Velo Richtung Osten fahren. Die Überfahrt mit der Fähre, eigentlich ein Floss, dass von einem kleineren Schiff gezogen wird, ist mit dem Sonnenuntergang ganz romantisch.

Die Landschaften auf unserem letzten Stück bis zum Silbersee sind wunderschön und irgendwie haben wir das Gefühl, plötzlich in einem anderen Land zu sein. Es ist etwas hügelig und sehr ländlich. Als wir beim Silbersee ankommen ist es bereits dunkel. Wir finden heraus, dass der Zeltplatz teurer ist als ein Zimmer mit Frühstück und so entscheiden wir uns für Letzteres. Pascal wird zu Schnaps und Bier eingeladen und verständigt sich in einer internationalen Runde (Kroatien, Mazedonien, Serbien, Schweiz) mit Händen und Füssen. Der Mazedonier kennt die Fussballklubs der Schweiz besser als er, dafür lernt er auf serbisch zu zählen. Ausser 8, dass genau wie das englische „owsome“ ausgesprochen wird, haben wir aber wieder alles vergessen.
Am nächsten Tag treffen wir auf eine 5-köpfige Radlergruppe aus Deutschland, Frankreich und Österreich. Beim gemeinsamen Kaffee erzählen sie, dass zwei von ihnen nach Indonesien unterwegs sind (www.mit-dem-rad.de), zwei ans Schwarze Meer und einer ebenfalls nach Istanbul (pietontour.blogspot.com) . Die beiden Richtung Indonesien fahren mit einem sogenannten Extra-Wheel (Link). Das ist ein drittes Rad, das man hinten am Velo befestigt und an dem ebenfalls Velotaschen befestigt werden können. Wir haben das zum ersten Mal gesehen. Nach viel Austauschen und Plaudern verabschieden wir uns wieder, allerdings nicht zum letzten Mal.

Während wir durch 21 Tunnel kurven, bieten sich uns immer wieder wunderschöne Anblicke von oben auf die Donau. Das Gebiet um das Eiserne Tor ist einer der bisherigen Höhepunkte. Die Donau schlängelt sich durch die üppig grünen Hügel und Berge und sucht sich ihren Weg Richtung Meer. Gegen Abend zieht wieder, wie üblich, ein Gewitter auf. Wir haben noch kein Ziel für unser Nachtlager und es ist auch kein Campingplatz in Sicht. Etwas unentschlossen fahren durch den leichten Regen weiter in der Hoffnung auf eine Eingebung, resp. den idealen Übernachtungsplatz. Nach ein paar weiteren Kilometer entdecken wir am Donauufer ein hübsches Plätzchen mit Wiese und zwei Wohnwagen drauf. Wir fragen beim Haus auf der anderen Strassenseite, ob wir unser Zelt aufstellen dürfen. Natürlich ohne jeweils der Sprache des anderen mächtig zu sein. Anfänglich sind die beiden, ein älteres Ehepaar, etwas verhalten, doch irgendwann erweichen sie. Erst als die Frau mit dem Schlüssel einen der Wohnwagen aufschliessen will, bemerken wir das Missverständnis. Sie meinten, wir wollten im Wohnwagen übernachten. Wir sind fast etwas baff von so viel Offenheit und Bereitschaft uns den Wohnwagen anzubieten, wir entscheiden uns trotzdem fürs Zelt. Das Zelt wird auf so einer Reise übrigens so richtig zum eigenen Zuhause. Auch wenn ein Hotelzimmer meist „bequemer“ ist, schlafen wir sehr gerne im Zelt. Wir sind dann bei uns und nicht bei jemandem anderen.
Als wir das Abendessen zubereiten kommen die zwei auch zu uns. Wir versuchen uns auf Serbisch, Deutsch und Englisch zu verständigen und werden mit Slivovitsa, Bier und Wein versorgt. Wie so oft, stellt sich heraus, dass ihr Sohn in Deutschland arbeitet. Die Nacht ist übrigens stockdunkel, weil es weit und breit kein Licht gibt, das den klaren Himmel erleuchten würde. Es ist Ideal, um die Sterne zu beobachten (unser Galaxy Tab ist übrigens auch eine super Sternkarte).
Am nächsten Morgen werden wir von unseren Gastgebern fast adoptiert. Sie finden, wir sollen doch noch eine Nacht bleiben, sie schenken uns ein Glas feinen Honig, geben uns frische Erdbeeren und Kirschen. Den Slivovitsa am Morgen lehnen wir allerdings dankend ab. Sie lassen uns kaum mehr gehen. Wir fragen uns in Serbien immer wieder, ob wir in der Schweiz wohl auch so viel Gastfreundschaft antreffen würden.

Wir pedalen weiter durch die tolle Donauschlucht. An deren Ende, in Kladovo, finden wir gerade rechtzeitig in einem Café mit riiiiesigen Torten Unterschlupf vor einem starken Gewitter mit Hagelschauer (die anderen haben’s voll abgekriegt, hihi). Der Barmann zaubert (nachdem Pascal bereits bestellt hat ;-)) für Judith mit einem Zwinkern und der Bemerkung „you like fruits, don’t you?“ noch den Geheimtipp des Hauses hinter der Theke hervor, ein Fruchtkäsekuchen, der sie zum Schmelzen bringt…
Der Einkauf im Supermarkt ist eher gruselig: Verschiedene Reispackungen sind bevölkert mit schwarzen Käfern, das Brot ist bereits blau vom Schimmel. In Brza Palanka schlagen wir unser Zelt auf dem Campingplatz auf, was sich als herber Fehler herausstellt. An die sanitären Anlagen gleichen Konservenbüchsen und seit langem sehen wir mal wieder alte italienische Stehklos. Von den ca. 10 Duschen funktioniert genau eine und natürlich nur mit kaltem Wasser. Auch sonst ist der Platz sehr ungepflegt, es liegt überall Abfall rum und es strotzt vor Lieblosigkeit. Der Platzverwalter, der bei unserer Ankunft durch seine Frau vertreten wurde, die nicht wissen wollte, was eine Übernachtung mit Zelt kostet, möchte für eine Nacht zudem stolze 14 Euro. Wir geben ihm nur 10, was eigentlich immer noch zu viel ist, worauf er entnervt abzieht, seinen Schuh in einer seltsamen Drohgebärde hochhebt und uns sagt, wie hätten morgens um 7 Uhr verschwunden zu sein. Sympathischer Zeitgenosse. Zu unserer Freude quacken auch Hundertschaften von Fröschen die ganze Nacht um die Wette. Eine ziemlich laute Angelegenheit und wir wünschen uns eine Storchenpatrouillie, die für etwas Ordnung sorgt.
Am nächsten Morgen entdecken wir am Strand gleich nach dem Campingplatz drei Zelte. Es stellt sich heraus, dass es die Gruppe vom Vortrag ist. Sie waren viel schlauer und haben einfach wild campiert. Wir frühstücken ausgiebig mit ihnen, bevor wir uns auf den Weg nach Bulgarien machen.
Bevor wir Serbien verlassen, wollen wir in Negotin noch unsere Dinar verprassen. Wir sitzen also gemütlich in einem Strassencafé und wer biegt da plötzlich um die Ecke? Markus, den wir vor Bratislava zum ersten Mal getroffen haben. Er ist unglaublich, mit 70 fährt er noch praktisch die gleichen Distanzen wie wir. Wir bleiben natürlich etwas länger sitzen und quatschen eine Runde. Als wir dann endlich aufbrechen wollen, trudeln auch noch die anderen wieder ein. Die Welt scheint heute klein in Serbien…

Nach einer holprigen aber schönen Strasse erreichen wir die Grenze zu Bulgarien. Am serbischen Grenzposten entdeckt Judith ein Plakat mit den gesuchten Kriegsverbrechern, darunter der eben verhaftete Mladic. Wie immer wird Sie ganz aufgeregt und will ein Foto vom Plakat machen, was die Grenzbeamtin aber leider sofort und mit Vehemenz verhindert.

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