Budapest – Belgrad (Teil 2 ab Apatin)

Als wir am nächsten Morgen aus Apatin rausfahren, sehen wir wieder diese riesigen Bewässerungsanlagen. Eine ist gerade in Betrieb und Pascal kann es nicht lassen, sich so ein Ding mal etwas genauer anzusehen. Kurz darauf kommt der Bauer dazu und erzählt uns, dass seine grösste Anlage einen (!) Kilometer lang ist. „You can send them a map of your field and they make the machine for you“. Voilà, so einfach geht das.

Lange Bewässerungsanlage in Betrieb

Für einmal folgen wir nicht dem offiziellen Veloweg, der macht nämlich einen 30km langen Umweg in eine alte Donauschleife. Wir fahren also auf Strassen mit relativ wenig Verkehr durch die Dörfer. So kriegen wir auch mehr vom Land mit als nur die Auenwälder (davon haben wir schon genug gesehen.) Am Nachmittag werden wir von einem wunderbaren Rückenwind erfasst. Der bläst uns mit fast 30 km/h nach Baĉka Palanka. Und wieder präsentiert sich vor uns eine riesige, dunkelblaue Gewitterfront und Judith zieht aus Angst vor Blitzen den Kopf ein… Am nächsten Morgen muss Judith um den Zimmerpreis kämpfen, der plötzlich höher ist als noch am Abend zuvor. Als der Chef dann auch noch aufkreuzt, Judith per Handy mit dem am Abend zuvor diensthabenden Angestellten verbunden wird, kann man sich schliesslich einigen und wir bezahlen „unseren“ Preis.

Serbien erscheint uns übrigens wie ein grosses Automuseum. Wir treffen hier auf die ganze Modellpalette, vom ältesten bis zum neuesten Gefährt. Auch treffen wir immer mal wieder auf alte Winterthurer Stadtbusse, die hier noch immer ihren Dienst tun. In Belgrad fahren sogar die grünen „Basler Drämli“ rum. Eines sogar mit einem Schild „Die Stadt Basel und die Schweiz grüssen Belgrad“. Cool.

Ein alter Winterthurer Stadtbus

Pascal ist etwas müde und fahrfaul. Judith ist beruhigt, dass das zur Abwechslung auch bei ihm einmal vorkommt… Vor Novi Sad machen wir in einem kleinen Dorf eine Pause. Wie so oft hier, finden wir ein offenes WLAN und so lesen wir überrascht die Nachricht, dass Ratko Mladic festgenommen wurde. Judith ist ganz aus dem Häuschen. Wir sind unsicher, ob die anderen Dorfbewohner, die auch im Café sitzen, diese Neuigkeit schon gehört haben. Judith verplatzt fast, sie möchte so gerne wissen, wie die Leute reagieren, ob sie wütend oder froh sind… Plötzlich fällt der Name Mladic in den Gesprächen, die Leute reagieren gelassen. Es ist lustig, wie manchmal mit den Leuten ein Gespräch entsteht, obwohl wir weder serbisch noch die Leute wirklich eine andere Sprache sprechen. In diesem Café war ein kleiner Junge völlig fasziniert von unserem Tab. Irgendwann hat ein älterer Mann uns dann mit Zeichen auf das Tab gefragt „Laptop?“. So begann das Gespräch, bei dem alle etwas mithalfen, eine jüngere Frau warf ab und an ein englisches Wort ein und so konnten wir schliesslich erklären, woher wir kommen, wohin wir gehen, wie lange wir unterwegs seien etc. Der ältere Mann seinerseits erzählte, dass er 1974 (hat er uns aufgeschrieben) in Paris gearbeitet habe. Er sprach auch noch ein paar Brocken französisch. Und er sei jeweils bereits müde, wenn er 2 Kilometer mit seinem Fahrrad nach Hause fahren müsse, 100 Kilometer im Tag, das sei ja Wahnsinn… Alle winken uns zum Abschied, die Stimmung ist sehr herzlich.

Gegen Abend rollen wir in Novi Sad ein. Am Stadteingang treffen wir noch auf einen „Kilometerfresser“ aus Stuttgart. Er ist mit dem Rennvelo und Minimalgepäck unterwegs, pro Tag fährt er zum Teil über 200km. Wir gehören da mit unseren plusminus 100km pro Tag zu den Normalen (falls das jemand angezweifelt haben sollte!). Vor den Toren Novi Sads gönnen wir uns in einem schönen Strandkaffee ein Pivo und treffen auf eine Gruppe von älteren Radlern, die mit einem Wohnmobil als Begleitfahrzeug unterwegs sind und ganz gesprächig sind. Und natürlich lesen wir (vorallem Judith) jede irgendwie verfügbare Nachricht über Mladics Festnahme…

Im Strandcafe in Novi Sad

Wir leisten uns ein Hotelzimmer und erkunden die schöne Stadt Novi Sad. Im Zentrum hat es ein Strassenkaffee am anderen und die Strassen sind voll von Leuten. Man könnte meinen es sei ein Volksfest im Gange. Plötzlich hören wir Petarden und eine skandierende Menschenmenge. Unweit von uns protestiert eine Gruppe von Kahlgeschorenen gegen die Festnahme von Mladic. Ein Serbe sagt uns, das sei nichts Neues: „It’s nothing“.

Zeitungsauslage nach Mladic' Verhaftung

Von Novi Sad nach Belgrad ist es eine Tagesetappe. Gleich zu Beginn erwartet uns ein längerer Aufstieg, der zudem noch auf einer vielbefahrenen Hauptstrasse bewältigt werden will. Aber wo’s hinauf geht, geht es auch wieder runter. Am höchsten Punkt zweigt der Euroveloweg zum Glück von der Hauptstrasse ab. Dummerweise bläst uns aber, wie vom Wetterbericht angekündigt, ein kräftiger Wind ins Gesicht. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit sinkt auf 15km/h (normalerweise machen wir zwischen 18 und 20km/h). Beim Kampf gegen den Wind sehen wir immer wieder überfahrene Tiere; Schlangen (sehr grosse, das von Judith überfahrene Exemplar war „munzig“ dagegen…), Hunde, Katzen, ein Dachs und viele Frösche.

Ein paar Kilometer vor Belgrad kommen wir wieder auf die Hauptstrasse. Das Verkehrsaufkommen ist gross und von einem Veloweg ist nur zu träumen, obwohl hier die offizielle Route verläuft. Judith wird ein paar Mal von einem Bus in den Strassengraben gefegt. Abbremsen für Velofahrer scheint ein Fremdwort und genügend Abstand nicht sehr gängig zu sein. Zum Glück passiert aber nichts schlimmeres. Pascals Veloanhänger (vielleicht ist es auch die flatternde Fahne) scheint zu etwas mehr Abstand aufzufordern. Judith fährt nun vorne und wir fahren selbstbewusst mehr gegen die Strassenmitte. So zwingen wir den Verkehr hinter uns abzubremsen, wenn etwas entgegenkommt anstelle uns haarscharf zu überholen. So klappt es ganz gut, aber wir sind trotzdem froh, als wir endlich von der Hauptstrasse runter an den Donauweg können. Belgrad liegt auf einem Hügel und so sehen wir die graue Stadt schon von weitem.Die Querung der Donau entpuppt sich dann auch noch als kleines Abenteuer. Es gibt vom Donauweg wohl eine Fussgängertreppe auf die Brücke. Leider haben sie die Velos vergessen und es gibt keine Rampe. Mühsam schleppen wir unsere schweren Velos hoch. Oben angekommen bemerken wir zu unserem Erstaunen, dass es gar keinen Weg weiter gibt, die Treppe führt nur auf eine Art Plattform (wer baut denn sowas??). Auf der anderen Brückenseite gibt es einen Fussweg. Wir haben keine Lust die Velos nochmals die Treppe runter und auf der anderen Seite wieder hochzuschleppen. Also hieven wir das Gepäck und Velos über die Abschrankung und tragen es über die von Autos und Tram befahrene Fahrbahn auf die andere Seite. Zum Glück sind ein paar Autofahren so nett und lassen uns auf die andere Seite hechten.

In unserem Hostel „Three Black Cats“ in Belgrad kriegen wir eine ganze Wohnung! Die Velos dürfen wir auch gleich mitnehmen, unzertrennlich… 🙂

Donaubrücke am Eingang von Belgrad

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