Im Osten angekommen (Wien – Budapest)

Mit ein paar Tagen Verspätung… Wir sind bereits in Backa Palanka, Serbien, siehe Route.

Wenn Wien als das Tor zum Osten gilt, ist Budapest der Osten. Und uns gefällt’s hier sehr! Darum haben wir auch gleich zwei Ruhetage eingeschaltet, um die Stadt zu entdecken und die weltberühmten budapester Thermalbäder zu geniessen. Aber alles der Reihe nach…

Es gibt also eine Stadt, die für Velofahrer noch etwas schlimmer ist als Zürich, Wien. Es gibt da wohl viele und eigentlich gute Velowege, aber eine Logik ist schwerlich zu erkennen. Entlang der Gürtel (eine Art Verkehrsadern durch Stadt mit U-Bahn und grossen Strassen) führen meist auch abgetrennte Velowege. Doch eben nur meist. Mal sind sie links, dann wieder rechts des Gürtels und wenn man Glück hat, haben die Stadtplaner daran gedacht, eine Verbindung von links nach rechts zu bauen. Unzählige Male steht man aber unverhofft vor einen Veloweg-Ende-Schild. Such dir deinen Weg lieber Velofahrer, ab hier regiert wieder das Auto.
In Zürich ist es eher so, dass es dort Velowege hat, wo es nicht wirklich welche bräuchte (Strasse breit genug und übersichtlich) und genau dort keine, wo ein Veloweg sehr angenehm wäre (Kreuzungen, schmale Strassen mit viel Verkehr). In beiden Städten fühlt man sich als Velofahrer nicht sehr willkommen. Bern und Winterthur sind deutlich fortschrittlicher. Darin sehe ich übrigens auch den Hauptgrund, warum die Velofahrer in Zürich sehr viel aggressiver unterwegs sind als in Bern. Dies merke ich (Pascal) jedes Mal selber an mir, wenn ich mal wieder mit dem Velo durch Bern fahre. (OK, diesen Teil wollte ich schon lange los werden, was nun geschehen wäre.)

Wien verlassen wir entlang eines Donaukanals und es ist eine Abwechslung, die Donau mal nicht inmitten von unendlichem Grün sondern von Beton und Graffitis zu sehen. Auf einer der Donauinseln endet unser Weg plötzlich an einer in Revision befindlichen Brücke. Ein Hinweisschild etwas früher wäre nett gewesen… Wir fahren zurück und ein paar Kilometer weiter oben gibt’s dann doch noch eine Brücke, die uns auf die andere Seite bringt. Der weitere Radweg nach Bratislava ist aber bestens ausgeschildert (manchmal wird auch etwas übertrieben, wie das unten stehende Foto zeigt) und führt meist direkt der Donau entlang. Unterwegs treffen wir auf Markus. Er ist in Seuzach (bei Winterthur) gestartet und will zum Schwarzen Meer. Dort trifft er seine Frau und fährt mit dem Flusskreuzfahrtschiff wieder zurück nach Passau. Markus ist erst 70 Jahre alt und übrigens ohne Elektrovelo unterwegs. Nur für denn Fall, dass jemand finden sollte, er sei zu alt für so etwas „Verrücktes“.

Noch etwas zu Pascals Schweizer Fähnli an seinem Anhänger: Judith war ja anfangs nicht so begeistert von dieser Sache. Sie hat mittlerweile aber ihre Meinung revidiert. Wir werden so viel angesprochen, Kinder rufen vom Strassenrand, ob wir Schweizer seien, andere Velofahrer beginnen mit uns zu plaudern über Route, Tageskilometer, etc. und es ergeben sich lustige Begegnungen. So hat ein Feuerwehrmann inmitten einer Übung Judith angesprochen, wohin es denn auf unserer Reise aus der Schweiz gehe (nachdem er sich zuerst darüber lustig gemacht hat, dass die Schweizer offenbar keine Autos und Flugzeuge hätten und wir daher mit dem Velo unterwegs seien…). Judith sagte ihm dann, dass wir bis nach Istanbul fahren wollten. Er machte, wie einige vor ihm auch schon, einen Schritt rückwärts und rief laut aus: „ISTANBUL!!!“. Beim Weglaufen rief er noch einige Male laut und zu seinen Kollegen gewandt aus „Geil, Istanbul, die fahren bis nach Istanbul!“.

Pascal war besonders auf Bratislava gespannt, weil er als 10- oder 12-jähriger einmal in Bratislava in einem Eishockey-Trainingslager war. Noch zur Zeit der Sowjetunion und des Eisernen Vorhangs , als der Grenzübertritt trotz Visa mehrere Stunden gedauert hat. Diesmal fuhren wir über den gleichen Grenzübergang, ohne anzuhalten oder die Pässe zu zeigen – was Judith übrigens immer sehr enttäuscht, weil wir noch nie einen Zöllner gesehen haben.
In Bratislava nächtigen wir in der Jugendherberge, die unweit vom Zentrum gelegen ist. Geführt wird sie von ein paar Jungen, die sie mit viel Liebe und Engagement hergerichtet haben. Die Bar im Keller und der gemütliche Garten zeugen besonders davon. Wir kriegen das Zimmer Ungarn zugeteilt – neben Kuba, Italien und Schweden – und dessen Wände dem Land entsprechend bemalt sind.

In der Altstadt treffen wir Markus wieder, der uns vor lauter Freude zum Apéro und zum Nachtessen einlädt. Wir nehmen die Einladung sehr gerne an und geniessen wohl das bisher feudalste Nachtessen auf unserer Tour im edlen Steak-House von Bratislava. Danke Markus, es war lecker, gemütlich und Deine Erzählungen und Geschichten spannend!

Am nächsten Tag lässt uns das GPS im Stich. Es will keine Position mehr anzeigen. Die Karte funktioniert aber zum Glück noch und so finden wir trotzdem zur Stadt raus und zurück zur Donau Irgendwann am Nachmittag entscheidet sich das GPS wieder richtig zu funktionieren und Pascals Sorgen, dass der GPS Chip des Galaxy Tabs das Zeitliche gesegnet haben könnte, zerstreuen sich. Die Velowege in der Slowakei sind übrigens sehr gut und die Leute sehr hilfsbereit, wenn wir uns unseres Weges nicht mehr sicher sind. Wir fahren stundenlang über die Donaudämme, die teilweise so gerade sind, dass sie am Horizont verschwinden. Die Donauauen, an denen wir vorbeifahren, sind wunderschön und haben wieder einmal zur Folge, dass Judith ständig anhalten und Fotos machen muss… In einer kleinen Bar in der Nähe unseres Weges kehren wir hungrig ein. Von der slowakischen Speisekarte verstehen wir – zum ersten Mal auf unserer bisherigen Reise – kein einziges Wort. Der Barmann spricht nur slowakisch, so dass wir es mit Händen und Füssen zu Kaffee und Pommes Frites schaffen. Besser als nichts und gut!

Bevor wir am späten Nachmittag die Grenze nach Ungarn überqueren, kaufen wir uns noch Nachtessen und Frühstück. Ein weiterer sprachlicher Zwischenfall bringt uns zum Lachen, als Judith, die für ihre Muskeln Magnesium Brausetabletten kaufen will, mit Kochsalztabletten zurückkehrt. Der anschliessende Umtausch war nicht weniger amüsant… Zum ersten Mal verlassen wir die Eurozone und müssen Geld wechseln (ungarische Forint). Zum Leidwesen von Judith dürfen wir auch dieses Mal die Pässe nicht zeigen, kein Zöllner weit und breit. Auch Ungarn überrascht uns positiv, es gibt Velowege und wo es keine hat, fahren Autos und Lastwagen meist in anständigem Abstand an uns vorbei. Dennoch wirft sich Judith in ihre zitronengelbe Leuchtweste, um auf den grossen Strassen besser gesehen zu werden. Nur die Schlaglöcher in der Strasse nehmen zu, so wie die bellenden Hunde. Ungarn gefällt uns soweit sehr gut. Wir fahren bis zum Camping Eden in Neszmely, den wir uns im Internet ausgesucht haben. Der Camping ist wirklich ein kleines Paradies, direkt an der Donau gelegen und gut gepflegt. Und wir staunen über das ausgezeichnete Deutsch der Dame an der Rezeption.
Judith gefällt der Campingplatz so gut, dass Pascal schon fast Mühe hat, sie am nächsten Tag wieder aufs Velo zu bringen. Pascal wiederum hat schlecht geschlafen, weil er vom Mückenstichen übersät ist, die er sich irgendwo in Bratislava aufgelesen hat. Kurz vor 11 Uhr sind wir dann aber wieder auf der Strasse in Richtung Budapest unterwegs. Unterwegs besuchen wir die Orte Esztergom (wunderbarer Dom) und Visegrad. Langsam nimmt der Verkehr auf den Strassen zu und lässt die Annäherung an Budapest erahnen. Plötzlich brennt Judith durch und strampelt drauflos. Sie hat etwas genug vom Pedalen und will so schnell wie möglich ankommen. Pascal folgt nur mit Mühe und wehender Fahne. Vor Budapest finden wir dann zum Glück wieder einen velotauglicheren Weg, um in die Stadt zu gelangen. Unterwegs treffen wir auf eine Art Skilift, der Wasserskifahrer und Wakeboarder im Kreis über einen kleinen See zieht. Begeistert bleiben wir stehen und betrachten das Spektakel.

Vor Budapest holt uns auch ein kleines Gewitter ein, aber die Abkühlung kommt uns gerade gelegen. Als wir in Romai Beach, der In-Strandmeile von Budapest, ankommen, legen wir einen unserer Meinung nach wohlverdienten Halt ein und genehmigen uns ein Bier. Die Sonne scheint auch wieder und die Stimmung ist wieder im Lot.

Beim budapester Parlament (sehr eindrücklich) treffen wir eine ungarische Studienkollegin von Pascal, Katalin, welche uns ihre Wohnung für unseren Aufenthalt überlässt. Die Wohnung bzw. das Haus an der Puskin utca im Zentrum von Budapest verschlägt uns beinahe die Sprache: Bereits die wunderschöne Fassade ist vielversprechend. Der grosszügige Innenhof, die Terrazzo-Böden, der steinzeitliche Lift und die Verzierungen lassen uns nur so staunen. Hier gefällt es uns! Und wir entschliessen uns, einen Tag länger als geplant zu bleiben.

Am nächsten Tag verschaffen wir uns mit einem dieser etwas üblen Touristen-Busse mit offenem Dach einen Überblick über die Stadt, da wir nicht so viel Zeit haben. Der Chauffeur fährt wie ein Wahnsinniger. Zwischendurch fegen Äste von Bäumen über unsere Köpfe hinweg, man muss ausweichen, um nicht erschlagen zu werden. Aus den Kopfhörern dröhnt in ohrenbetäubender Lautstärke Wagner, es wirft uns nur so umher. Auf der anschliessenden Bootsfahrt auf der Donau kommen wir wieder zur Ruhe und geniessen all die schönen und imposanten Bauwerke der Stadt, die sehr prunkvoll aber nicht so aufgemotzt ist wie Wien. Sie erinnert an eine alte Frau, der man noch immer ansieht, dass sie einmal wunderschön war…

Am Samstag entspannen wir unsere Muskeln in einem der vielen und bekannten Bäder Budapests, das ungefähr 30 heisse Quellen hat. Wir besuchen das Bad Szecheny und treffen prompt Silvan, den andern Schweizer, der in Richtung Schwarzes Meer unterwegs ist. Das Bad erinnert an ein römisches Bad mit vielen Statuen, verschiedenen Innen- und Aussenbecken, Mosaiken, Stuckaturen… Es ist eine wahre Freude und so lassen wir es uns gut gehen.

Wir suchen die Routen und Wege für die kommenden Tage. Da die Beschilderungen nun offenbar immer rarer werden sollen, suchen wir zuerst eine Karte in einer Buchhandlung. Die Bestellung soll aber 4-6 Wochen dauern, weshalb wir eine andere Lösung finden müssen. Judith stösst auf eine gute Internetseite mit Beschreibungen von möglichen Wegen. Pascal schafft es, die GPS-Tracks in ein Format umzuwandeln, das wir auf unserem Tab (Navigationsgerät) brauchen können. Somit sind wir nun bereit für die nächsten Tage und Abenteuer auf dem Weg Richtung Belgrad ;o)

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